Starter Julia Orschiedt: Filigrane Raffinesse

Julia Orschiedt ist Souschefin im Zwei-Sterne-Restaurant Pietsch in Wernigerode – und wurde zur „Patissière des Jahres 2025“ gekürt. Foto: © Ingo Hilger / KÜCHE
Claudia Kroll-Kubin und Elena Hoch 12.01.2026 MAGAZIN  |  Kochkunst  |  Karriere  |  AKTUELLES  |  News

Mit handwerklicher Präzision, Vielschichtigkeit im Geschmack und einer raffinierten Zutatenauswahl hat sich Julia Orschiedt, Souschefin des Zwei-Sterne-Restaurants Pietsch in Wernigerode, den begehrten Titel „Pâtissière des Jahres 2025“ gesichert.

Ich brauche immer etwas Süßes“, sagt Julia Orschiedt lächelnd. Schon früh begeisterten sie Torten und Kuchen – heute ist daraus eine beachtliche Karriere geworden: Orschiedt darf sich „Patissière des Jahres 2025“ nennen.

Die 26-jährige Souschefin des Zwei-Sterne-Restaurants Pietsch in Wernigerode erhielt die Auszeichnung am 17. November beim großen Wettbewerbsfinale in der Grand Hall Zollverein in Essen, das zusammen mit dem Wettbewerb „Koch des Jahres 2025“ ausgetragen wurde. Vor rund 1.200 Fachbesuchern setzte sie sich gemeinsam mit ihrem Assistenten und Partner Luis Hendricks, Küchenchef im Pietsch, erfolgreich gegen sechs starke Mitbewerberinnen und Mitbewerber durch.

Mit asiatischen Aromen zum Sieg

Fünf Stunden hatten die Finalisten Zeit, drei Desserts vorzubereiten und anschließend in einer 20-minütigen Servicephase einer hochkarätig besetzten Jury zu präsentieren. Zum Gremium gehörten unter anderem Sebastian Kraus, Gewinner des Titels „Patissier des Jahres“ 2019, Sophie Mussotter, Titelträgerin von 2023, der Konditor-Weltmeister Bernd Seifert sowie Stefan Leitner vom Drei-Sterne-Restaurant Bareiss in Baiersbronn.

Die diesjährige Herausforderung des Live-Wettbewerbs: ein Freestyle-Dessert, das Kreativität und persönliche Handschrift ausdrückt; ein Fünf-Konsistenzen-Dessert, das handwerkliche Perfektion in Textur, Temperatur und Geschmack verlangt sowie eine Praline oder ein Petit Four – höchste Raffinesse also auf kleinstem Raum. „Ich habe mich gefreut, mich beim Freestyle so richtig ausleben zu können“, so Julia. Überall habe sie ihr handwerkliches Können zeigen wollen.

„Patissier des Jahres“ war ihr erster Wettbewerb. Ihre Motivation: Neugier. „Ich wollte einfach wissen, wie sich so etwas anfühlt.“ Dass sie gleich mit großen Erfolg überzeugen würde, war für sie selbst eine Überraschung.

Bei ihren Sieger-Desserts fällt sofort der asiatische Einfluss auf. Julia ließ sich dabei sowohl vom asiatisch geprägten Stil des Pietsch als auch von ihren eigenen Reisen durch Asien inspirieren. Hinter ihrem Freestyle-Dessert stand etwa die Idee, oft unterschätzte Zutaten mit südostasiatischen Aromen zu kombinieren, die selten gemeinsam in der Patisserie auftreten. Das Ergebnis: Topinambur-Sorbet, luftiges Bananen-Espuma, Passionsfrucht-Gel, frischer und schaumiger Pak Choi, Erdnuss-Crumble und Schokoladen-Eiweiß-Chips, verziert mit Veilchenblüten(hier geht es zum Rezept). Ihr Fünf-Konsistenzen-Dessert war eine Hommage an Japan: fermentiertes Miso und Sake, frische Kirsche und Kokosnuss, die Tiefe der Haselnuss und feine Shiso-Aromen. Ihr Petit Four schließlich kombinierte schwarzen Knoblauch, Sesam und Himbeere – ein aromatischer Kontrast in nur einem Bissen, der ihr besonders leicht von der Hand ging. „Noch stehen die Desserts nicht auf unserer Karte, aber das wird sich ändern“, verspricht die in Großburgwedel geborene Patissière, die ursprünglich einen ganz anderen Berufsweg im Sinn hatte: „Seit dem ich acht Jahre alt war, wollte ich Polizistin werden“, erzählt sie. Auch der Rettungsdienst kam kurz in Frage. Schließlich entdeckte sie das Maritim Airport Hotel Hannover und entschied sich für die Gastronomie.

Ganz unvertraut war ihr die Branche nicht: Bereits während der Schulzeit arbeitete sie im benachbarten Median Hotel und füllte Minibars auf. Schnell wurde jedoch klar, dass ihr Weg nicht im Service, sondern in der Küche liegen würde – dort, wo handwerkliche Kreativität, Präzision und Geschmack zusammenkommen. Mehrere Praktika bestätigten diesen Entschluss.


Erste Karriereschritte

Nach dem Fachabitur in Wirtschaft begann Julia 2018 ihre Kochausbildung im Maritim. Eine Konditorenausbildung kam für sie nicht in Frage: „Als Köchin hat man ein viel größeres Spektrum – und die Patisserie ist trotzdem dabei“, erklärt Julia. An ihre Ausbildungszeit im Maritim erinnert sie sich gern: „Wir Azubis hatten viele Schulungen und Freiheiten, uns auszuprobieren. Die Ausbildung war strukturiert, mit vielen Posten und einem À-la-carte-Restaurant.“

2021 schloss sie die Ausbildung mitten in der Corona-Pandemie ab. Die Jobsuche war schwierig: „Vielen Gastronemen ging es schlecht. Ich konnte aber mehrere Probearbeiten machen und fand schließlich eine passende Stelle.“ Anderthalb Jahre arbeitete sie im ehemaligen „La Rock“ in Hannover und zeitweise im Harz-Ableger in Braunlage. Dort lernte sie ihren Partner Luis Hendricks kennen, der Küchenchef des Hauses war. Anfang 2023 folgte der Wechsel ins Restaurant Pietsch nach Wernigerode, wo sie gemeinsam mit Hendricks eine neue Herausforderung annahm.

Julia verantwortet im Pietsch als Souschefin die gesamte Pâtisserie. Im Herbst 2024 absolvierte sie eine Patisserie-Schulung bei der IHK in Koblenz. „Das Schönste an der Arbeit als Patissière ist die Vielfältigkeit und das strukturierte Arbeiten. Man braucht vor allem Fingerspitzengefühl“, weiß Julia und schmunzelt: „Das liegt nicht unbedingt jedem.“

Beim „Patissier des Jahres“ konnte sie ihr präzises Arbeiten unter Beweis stellen. In ihrem Küchenteam im Pietsch wird sie genau für diese Präzision, ebenso wie für ihre Ruhe und ihren klaren Fokus geschätzt. „Mein Team steht immer hinter mir und ist mein großer Antrieb“, so Julia. Dieses Team besteht aus fünf Köchen, zwei Servicekräften und einer Aushilfe. Mit nur 18 Plätzen – 14 am Tresen, vier dahinter – bietet das Pietsch puristisches Fine Dining mit klaren Geschmackslinien, asiatischen Einflüssen und avantgardistischem Handwerk.

Besonders stolz ist man auf den zweiten Michelin-Stern, den das Restaurant 2025 unter Küchenchef Luis Hendricks erhielt. Julia: „In einem Zwei-Sterne-Restaurant zu arbeiten ist großartig – aber den zweiten Stern selbst zu erkochen, ist ein unbeschreibliches Gefühl.“

Als Vorbild nennt die Patissière des Jahres spontan Cédric Grolet aus Paris, dessen kunstvolle „Fruits“-Kreationen sie beeindrucken. Ihren eigenen Stil beschreibt Julia als verspielt, durchdacht und harmonisch – für sie steht jedoch immer der Geschmack an erster Stelle. „Auch wenn ein Dessert wie ein Kunstwerk aussieht: Wenn der Geschmack nicht stimmt, ist es nichts“, betont sie. Gemüse in Desserts einzusetzen, sollte sorgfältig geschehen: Produkte wie Rote Beete oder Blumenkohl lassen sich auf raffinierte Weise nutzen, um Geschmack und Textur zu bereichern.
Ihre weitere Zukunft sieht Julia Orschiedt zunächst im Restaurant Pietsch: „Hier habe ich ein komplettes Spielfeld zur Verfügung und alle Freiheiten – das erfüllt mich.“ Später könnte sie sich einmal ein eigenes Café vorstellen.


Dieser Artikel erscheint in KÜCHE 1-2/26.