Wir brauchen mehr (Steuer-) Ehrlichkeit, jetzt!

Björn Grimm: "Wer Steuerzahlungen immer noch als Unrecht versteht, muss begreifen, dass man gefühltes Unrecht nicht mit Unrecht bekämpfen kann." Foto: Grimm
Björn Grimm23.11.2021MAGAZIN | Küchenmanagement | Karriere | AKTUELLES | News

"Ist Ihnen auch schon aufgefallen, wie häufig derzeit in Deutschlands Gastronomiebetrieben plötzlich die EC-Karten-Geräte defekt sind oder man sogar gleich gebeten wird, einfach bar zu zahlen?" KÜCHE-Kolumnist, Björn Grimm, fordert weniger Schwarzgeld und dafür mehr Steuer-Ehrlichkeit.

Aufgedeckt: von Küchencoach Björn Grimm

Bei meinen zahlreichen geschäftlichen und privaten Reisen durfte ich in letzter Zeit mehrfach erleben, dass erst dann (genervt) in die Kasse getippt wurde, wenn ich ausdrücklich um eine Rechnung bat. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Als ich dieses Phänomen kürzlich in den Social-Media-Kanälen zum Thema machte, gab es heftige Reaktionen. „Kümmere Dich um Deinen Dreck“ war noch das Netteste, was eine Gastgeberin mir zu sagen hatte! 

Sollten wir als gute und pflichtbewusste Unternehmer:innen wirklich einfach darüber hinwegsehen, wenn wir auf einen Kollegen treffen, der es – aus welchen Gründen auch immer – mit den Grundzügen einer ordnungsgemäßen Buchführung nicht so genau nimmt? Ich glaube nicht. Denn dieses Verhalten ist unsozial und führt zu einer Wettbewerbsverzerrung, für die ich KEIN Wohlwollen aufbringen kann. Erst recht nicht, wenn gleichzeitig nach dem Staat gerufen wird und Fördermittel selbstverständlich in Anspruch genommen werden. Sicher gibt es Gastrobetriebe, die in der Coronakrise keine Fördermittel erhalten haben, wohl auch, weil bereits in der Vergangenheit nicht alle Umsätze erfasst wurden. Da rächt sich nun, was sonst oft erst beim Verkauf des Unternehmens, bei einer Finanzierung oder dem Besuch der Steuerfahndung zutage tritt. Gastronom:innen sollten vielmehr jetzt die Chance nutzen, endlich sauber kalkulierte und wertige Produkte sowie Dienstleistungen anzubieten. Und wenn es sich ehrlich nicht rechnet – ja, dann rechnet es sich wohl nicht. Dann heißt es: Konzept, Angebot, Standort und/oder Anzahl der Mitarbeiter überdenken und anpassen!

Wer Steuerzahlungen immer noch als Unrecht versteht, muss begreifen, dass man gefühltes Unrecht nicht mit Unrecht bekämpfen kann. Ich gehe noch einen Schritt weiter und behaupte, dass wir allesamt weniger zahlen müssten, wenn es um die Steuerehrlichkeit besser bestellt wäre. Es ist kein Kavaliersdelikt, Umsätze zu verschleiern. Es ist eine moralische Sauerei, denn die Zeche zahlen die Ehrlichen (nicht die Dummen!). Man sollte alles daransetzen, solche beschämenden Maßnahmen erst gar nicht nötig zu haben. Unternehmerisch und auch von der Einstellung im Kopf her.

Aber hier soll nicht nur einfach das Bild eines skrupellosen oder vielleicht auch hilflosen Unternehmers gezeichnet werden. Denn eine Wahrheit ist auch, dass zahlreiche Betriebe ohne schwarzes Bargeld nicht funktionieren. Mitschuldig machen sich übrigens auch Mitarbeiter, die einen Job nur dann antreten, wenn es extra Bargeld auf die Hand gibt. Muss man jetzt tatsächlich darüber nachdenken, wie man die kochenden und kellnernden Kollegen belangt, die Sozialversicherungsbeiträge unterschlagen und somit der Gesellschaft großen Schaden zufügen? Im eigenen Interesse: Wann wird verstanden, dass die Anträge für Kurzarbeitergeld und Arbeitslosengeld keine Zeile für Bargeld vorgesehen haben? Und zu guter Letzt: Möchte ich mich als Chef erpressbar machen? Oder um Verhandlungsoptionen gegenüber meinem Lieferanten gebracht werden, da ich Einkaufsvolumen an den Einzelhandel abtreten muss? Denn wer Schwarzgeld macht, der muss auch schwarz einkaufen. Damit muss Schluss sein! Sonst wird es nie besser werden in einer Branche, in der wir mittlerweile jede Hand brauchen.

Ihr Björn Grimm


Björn Grimm ist Mitglied der Geschäftsleitung eines Hotelbetriebes in Norddeutschland und berät als Inhaber der Grimm Consulting seit 20 Jahren erfolgreich mittelständische Gastronomen und Hoteliers.
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