Social Gastronomy: Gemeinschaftsgastronomie als Teil sozialer Infrastruktur

Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Kantine-Zukunft-Talks „Social Gastronomy“ diskutieren über Gemeinschaftsgastronomie als soziale Infrastruktur.
Internationale Beispiele aus Brasilien, Italien und den Niederlanden standen beim Kantine-Zukunft-Talk „Social Gastronomy“ in Berlin im Mittelpunkt. Foto: © Kantine Zukunft
Redaktion 21.05.2026 MAGAZIN  |  Konzepte  |  AKTUELLES  |  News

Beim Kantine-Zukunft-Talk „Social Gastronomy“ am 22. April 2026 in Berlin stand die Rolle von Gastronomie als Teil eines gerechten Ernährungssystems im Mittelpunkt. Internationale Beispiele aus Brasilien, Italien und den Niederlanden zeigten, wie Gemeinschaftsgastronomie gesellschaftliche Teilhabe, Integration und soziale Infrastruktur fördern kann.

Im Zentrum der Diskussion stand der Begriff „Social Gastronomy“. Gemeint ist ein Verständnis von Gastronomie, bei dem Essen nicht nur als Produkt betrachtet wird, sondern als Ausgangspunkt für Gemeinschaft, Teilhabe und soziale Sicherheit.

Ernährungspolitik als gesellschaftliche Aufgabe

Ein Beispiel dafür ist Brasilien. Dort wurde Ernährungssicherheit mit der „Zero Hunger Strategy“ politisch verankert. Öffentliche Schulen bieten kostenlose Mahlzeiten an, die frisch gekocht und über öffentliche Beschaffungssysteme unter Einbindung lokaler Kleinbetriebe organisiert werden. Ergänzend verfolgen sogenannte „Popular Restaurants“ das Ziel, kostengünstige Mahlzeiten bereitzustellen und Ernährungsarmut entgegenzuwirken.

Juliana Tângari vom Instituto Comida do Amanhã erläuterte beim Talk die Verbindung von Ernährungspolitik, Stadtentwicklung und Gastronomie. Gastronomie werde dort nicht als isolierter Sektor verstanden, sondern als Teil eines Systems, in dem Sozialpolitik, Landwirtschaft und Bildung ineinandergreifen.

Ausbildungsrestaurant macht Vielfalt sichtbar

Wie Social Gastronomy auf lokaler Ebene umgesetzt wird, zeigt das Projekt „Roots“ in Modena. Das Social Restaurant wurde 2022 eröffnet und ist mit einem Ausbildungsprogramm für migrantische Frauen verbunden. Die Teilnehmerinnen wechseln im Rahmen des Programms alle vier Monate durch die Küche und entwickeln Menüs, die ihre jeweiligen kulturellen Hintergründe widerspiegeln.

Das Modell kombiniert bezahlte Küchenausbildung, Sprachförderung und individuelle Begleitung. Ziel ist es nicht nur, Zugang zum Arbeitsmarkt zu schaffen, sondern die Kompetenzen und Perspektiven der Teilnehmerinnen im öffentlichen Raum sichtbar zu machen.

Caroline Caporossi, Gründerin von AIW und des Restaurants Roots, stellte das Projekt in Berlin vor. Ihr Beitrag zeigte, wie Gastronomie wirtschaftliche Teilhabe und Empowerment miteinander verbinden kann.

Solidarische Modelle in Amsterdam

Ein weiteres Beispiel ist das Projekt De Sering in Amsterdam. Das Restaurant versteht sich zugleich als Nachbarschaftsort und solidarische Infrastruktur. Gäste zahlen dort nach eigenem Ermessen zwischen einem niedrigen Betrag und dem regulären Preis.

Neben dem Restaurantbetrieb finden in den Räumen Workshops, Konzerte und politische Veranstaltungen statt. Die Organisation basiert zu großen Teilen auf ehrenamtlichem Engagement und einer aktiven Community. Ergänzend wurde ein Catering- und Fine-Dining-Angebot aufgebaut, um die solidarische Struktur wirtschaftlich abzusichern.

Projekte brauchen Beteiligung

Im Rahmen des Talks wurde auch auf die Herausforderungen sozialgastronomischer Projekte eingegangen. Dabei wurde eine Erfahrung aus der Forschung zu Social Supermarkets hervorgehoben:

„It failed because it was my dream, not the dream of the community.“

Die Aussage verdeutlicht, dass Projekte langfristig nur tragfähig sind, wenn sie gemeinsam mit den jeweiligen Communities entwickelt und getragen werden.

Gemeinschaftsgastronomie neu gedacht

Die vorgestellten Beispiele verdeutlichen, welches Potenzial Gemeinschaftsgastronomie innerhalb des Ernährungssystems haben kann. Küchen könnten demnach nicht nur Orte der Versorgung, sondern auch Orte der Begegnung, Teilhabe und lokalen Verankerung sein.

Gerade in Städten wie Berlin existierten viele dieser Ansätze bereits in selbstorganisierten, migrantisch geprägten oder nachbarschaftlichen Kontexten. Die Herausforderung bestehe darin, solche Strukturen nicht als Nischenphänomene zu betrachten, sondern als Teil eines größeren gesellschaftlichen Systems.

Quelle: www.kantine-zukunft.de