Was macht Fleisch wirklich zu einem Premiumprodukt – und warum rechnet sich der höhere Wareneinsatz? Rainer Laabs, Vorstandssprecher der GILDE eG, erklärt, woran Köchinnen und Köche Qualität erkennen, welche Rolle Zerlegung und Reifung spielen und wie auch weniger bekannte Cuts kulinarisch und wirtschaftlich punkten können.
Was bedeutet für Sie Premiumfleischqualität im gastronomischen Alltag?
RAINER LAABS: Das Wort „Premium“ wird in der Gastronomie inzwischen leider inflationär verwendet. Auf vielen Produkten steht zwar „Premium“, tatsächlich verbirgt sich dahinter aber oft handelsübliche Ware in einer ansprechenden Verpackung. Für mich hat Premium nichts mit Marketing zu tun, sondern mit einem klaren Qualitätsversprechen. Premium muss sich im Küchenalltag beweisen. Für den Küchenchef bedeutet das vor allem eines: Planbarkeit. Wenn ich fünf Rumpsteaks aus einem Rücken schneide, müssen Fettabdeckung, Marmorierung und Faserstruktur nahezu identisch sein. Nur so lassen sich konstante Ergebnisse erzielen. Genauso wichtig ist eine transparente Herkunft: Woher stammt das Tier? Wie hat es gelebt? Und wie wurde es geschlachtet? Und am Ende muss sich Qualität natürlich auch wirtschaftlich rechnen: Weniger Garverlust, eine hohe Ausbeute und zufriedene Gäste sind für mich die eigentlichen Qualitätsmerkmale. Wenn Fleisch in der Pfanne schrumpft und eher kocht als brät, war es aus meiner Sicht kein Premium – ganz gleich, was auf der Verpackung steht.
Und wie wichtig ist dabei die Reifung?
RAINER LAABS: Sie spielt eine entscheidende Rolle. Frisch geschlachtetes Fleisch ist zäh. Erst die Reifung entwickelt Zartheit und Geschmack. Ob Wet oder Dry Aging – Premium braucht einen kontrollierten Reifeprozess.
Woran können Köchinnen und Köche bereits beim Einkauf erkennen, ob ein Produkt tatsächlich hochwertige Qualität hat?
RAINER LAABS: Wer professionell Fleisch einkauft, verlässt sich selten auf hübsche Siegel oder blumige Marketingversprechen. Der erste Blick verrät meist schon die Hälfte der Wahrheit. Ich achte zunächst auf eine saubere Schnittfläche, die Fleischfarbe und vor allem auf die Marmorierung. Feine, weiß-cremige Fettäderchen sorgen später für Saftigkeit und Geschmack. Ebenso wichtig ist die Haptik. Hochwertiges Fleisch fühlt sich elastisch und fest an. Drückt man mit dem Finger hinein, sollte die Delle sofort wieder verschwinden. Ebenso wichtig ist der Geruch: Gutes Fleisch riecht frisch und unaufdringlich, gereiftes Rindfleisch darf sogar leicht nussig wirken. Säuerliche oder muffige Noten sind dagegen ein klares Warnsignal.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist der Wassergehalt. Wasser verkauft sich teuer, schmeckt aber nach nichts. Liegt vakuumiertes Fleisch in einer größeren Menge Flüssigkeit oder wirkt die Oberfläche feucht und schmierig, ist Vorsicht geboten. Spitzenfleisch „schwitzt“ nicht: Es wirkt trocken, matt und hat eine gute Wasserbindung.
Nicht zuletzt zählt die Herkunft. Ein guter Lieferant kann genau sagen, von welchem Betrieb das Tier stammt, welche Rasse und Fütterung dahinterstehen und wie lange das Fleisch gereift ist. Unterm Strich gilt für mich eine einfache Profiformel: sattes Rot, feine Marmorierung, elastische Struktur, eine trockene Oberfläche und eine lückenlos nachvollziehbare Herkunft – dann stimmt die Qualität.
Was zeichnet die Eigenmarke „GILDE Premium“ im Vergleich zu herkömmlicher Ware aus?
RAINER LAABS: Die GILDE-Gruppe ist Marktführer in der Belieferung von Metzgereien in Deutschland und Österreich und verfügt über zwölf eigene Zerlegungsbetriebe sowie Beteiligungen an drei Schlachthöfen. Unser Fleischgeschäft basiert auf langjähriger Fachkompetenz und einem tiefen Verständnis für die gesamte Wertschöpfungskette. Mit GILDE Premium stehen wir mit unserem Namen für die bereits genannten Qualitätsmerkmale von Premiumfleisch. Dabei ist uns nicht nur die Qualität der Rohware wichtig, sondern auch der persönliche Kontakt zu allen Partnern. GILDE Premium ist allerbeste Rohware. Das Zusammenspiel aus hochwertigem Produkt und dem handwerklichen Können schafft ein Geschmackserlebnis für den Gast. Das ist echtes Genuss-Handwerk.
Was können Zerwirkqualität und Schnittführung auf dem Teller bewirken?
RAINER LAABS: Zerwirkqualität und die Präzision der Schnittführung werden häufig unterschätzt. Dabei kann selbst das teuerste Stück Rind mit perfekter Marmorierung und optimaler Reifung durch unsauberes Handwerk an Qualität verlieren. Umgekehrt sorgt präzises Zerwirken dafür, dass das volle Potenzial an Zartheit, Saftigkeit und Geschmack später auf dem Teller ankommt.
Ein entscheidender Punkt ist die Schnittführung: Das Grundgesetz bei Fleisch lautet, immer quer zur Muskelfaser zu schneiden. Wird Fleisch mit der Faser geschnitten, bleiben die langen Fasern erhalten und selbst ein hochwertiges Stück kann zäh wirken. Besonders bei Cuts wie Flank Steak oder Bavette entscheidet die richtige Schnittführung darüber, ob das Ergebnis überzeugt.
Gutes Zerwirken zeigt sich heute auch in der modernen Nutzung des gesamten Tieres. Aus vermeintlich einfachen Teilstücken können so hochwertige Premium-Cuts entstehen. Ein gutes Beispiel ist das Flat Iron Steak: Früher galt das Schaufelstück eher als klassisches Schmorstück, durch eine veränderte Zerlegetechnik wird daraus ein zarter und geschmacksintensiver Cut für die moderne Küche.
„Die geschmacklich SPANNENDSTEN STÜCKE sind nicht immer die teuersten Klassiker."
RAINER LAABS