Die Bundesregierung hält am Minijob fest, plant aber weitere Änderungen. Doch welche Folgen haben die Pläne für das Gastgewerbe? Prof. Dr. Enzo Weber (IAB), Jana Schimke (DEHOGA Bundesverband), Dr. Marcel Klinge (DZG) und Björn Kiffner (Auf zu Plan B) ordnen die Debatte ein.
Freitagabend, die Terrasse ist bis auf den letzten Platz besetzt, die Sonne lockt spontan zusätzliche Gäste in den Biergarten. Innerhalb kürzester Zeit muss der Personaleinsatz hochgefahren werden. Situationen wie diese gehören zum Alltag vieler Betriebe im Gastgewerbe. Gerade in Stoßzeiten, an Wochenenden oder während der Urlaubssaison sorgen Minijobber dafür, dass Service und Küche flexibel auf schwankende Gästezahlen reagieren können.
Genau dieses Beschäftigungsmodell steht derzeit erneut im Mittelpunkt der politischen Diskussion. Zwar hat der Koalitionsausschuss am 2. Juli 2026 beschlossen, Minijobs als eigenständige Beschäftigungsform grundsätzlich zu erhalten. Gleichzeitig sieht das Reformpaket jedoch mehrere Änderungen vor. So soll unter anderem der Pauschalsteuersatz für Arbeitgeber von zwei auf fünf Prozent steigen. Darüber hinaus sollen unter anderem eine wöchentliche statt tägliche Höchstarbeitszeit sowie weitere Maßnahmen zum Bürokratieabbau geprüft werden.
Für das Gastgewerbe ist die Debatte ein sensibles Thema. Kaum eine Branche ist so stark auf flexible Arbeitszeitmodelle angewiesen wie sie. Gleichzeitig wächst der politische Druck, Beschäftigung sozial besser abzusichern. Wie lässt sich beides miteinander vereinbaren? KÜCHE hat dazu Stimmen aus Arbeitsmarktforschung, Branchenverbänden und der betrieblichen Praxis eingeholt.
Reform ja – aber zielgerichtet
Arbeitsmarktforscher Prof. Dr. Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) stellt die Grundidee der Minijobs nicht infrage. Im Gegenteil: Flexible Beschäftigungsmöglichkeiten seien grundsätzlich sinnvoll. Reformbedarf sieht er jedoch in ihrer heutigen Ausgestaltung. Aus seiner Sicht fördern die bestehenden Regelungen weder eine nachhaltige berufliche Entwicklung noch den Übergang in reguläre Beschäftigung.
„Minijobs haben eine richtige Idee, aber ihre Ausformung ist eine Subvention für weniger berufliche Entwicklung, niedrigere Löhne, geringere soziale Absicherung und schlechtere Arbeitsbedingungen“, schreibt Weber in einer aktuellen Stellungnahme.
Statt einzelne Beschäftigungsformen immer weiter mit Sonderregelungen zu versehen, plädiert der Arbeitsmarktforscher dafür, die Vorteile der Minijobs auf reguläre Beschäftigung zu übertragen. Bürokratie müsse insgesamt abgebaut und Beschäftigung flexibler gestaltet werden.
„Wenn Minijobs so einfach sind – warum soll es die übrige Beschäftigung nicht auch sein?“
Prof. Dr. Enzo Weber
Kritisch sieht Weber vor allem die starren Verdienstgrenzen. Sie führten dazu, dass viele Beschäftigte genau an der Minijob-Grenze von derzeit 603 Euro verharrten.
„Wenn Minijobs so einfach sind – warum soll es die übrige Beschäftigung nicht auch sein?“, fragt Weber. Zusätzliche Arbeit müsse sich lohnen, ohne dass starre Verdienstgrenzen den Übergang in sozialversicherungspflichtige Beschäftigung erschweren. Statt der heutigen Sonderregelungen spricht er sich für eine Entlastung niedriger Einkommen sowie einfachere und flexiblere Beschäftigungsmodelle aus.
Flexibilität braucht Planungssicherheit
Während Arbeitsmarktforscher Prof. Dr. Enzo Weber vor allem die arbeitsmarktpolitische Wirkung der Minijobs in den Blick nimmt, bewerten die Branchenverbände die geplanten Änderungen aus Sicht der Betriebe. Sie befürchten, dass zusätzliche Belastungen ausgerechnet jene Unternehmen treffen, die schon heute unter Fachkräftemangel, steigenden Personalkosten und einem hohen wirtschaftlichen Druck leiden.
Der DEHOGA Bundesverband begrüßt zwar ausdrücklich, dass die Bundesregierung Minijobs als eigenständige Beschäftigungsform erhalten will. Hauptgeschäftsführerin Jana Schimke kritisiert jedoch die geplante Anhebung des Pauschalsteuersatzes für Arbeitgeber von zwei auf fünf Prozent sowie die Diskussion über zusätzliche Sozialabgaben. Nach Ansicht des Verbandes drohten dadurch erhebliche Mehrkosten für personalintensive Betriebe. Gleichzeitig fordert der DEHOGA, die im Koalitionsvertrag angekündigte Umstellung auf eine wöchentliche statt tägliche Höchstarbeitszeit zügig umzusetzen, um den Betrieben mehr Flexibilität bei der Einsatzplanung zu ermöglichen.
Ähnlich argumentiert Dr. Marcel Klinge, Vorstandssprecher der Denkfabrik Zukunft der Gastwelt (DZG). Gerade Gastronomie, Hotellerie und Freizeitwirtschaft seien auf flexible Beschäftigungsmodelle angewiesen, weil Gäste nicht nach einem klassischen Acht-Stunden-Rhythmus kämen, sondern vor allem abends, an Wochenenden oder in den Ferien. Minijobs ermöglichten es, diese Spitzen aufzufangen und gleichzeitig Studierenden, Rentnern oder Berufstätigen einen flexiblen Hinzuverdienst zu bieten.
„Viele Minijobber werden nicht automatisch in sozialversicherungspflichtige Beschäftigung wechseln und auch wechseln können. Viele werden schlicht aufhören, weil sich zusätzliche Arbeit finanziell für sie dann nicht mehr lohnt. Dann verlieren wir Arbeitskräfte, ohne die soziale Absicherung wesentlich zu verbessern.“
„Viele Minijobber werden schlicht aufhören, weil sich zusätzliche Arbeit finanziell für sie dann nicht mehr lohnt.“
Dr. Marcel Klinge, DZG
Klinge plädiert deshalb dafür, notwendige Flexibilität nicht einzuschränken, sondern den Übergang zwischen unterschiedlichen Beschäftigungsformen zu erleichtern. Zusätzliche Arbeit müsse sich wieder lohnen – etwa durch steuerliche Entlastungen, höhere Freibeträge oder geringere Abgaben auf zusätzliche Arbeitsstunden. Gleichzeitig fordert er mehr Planungssicherheit für die Betriebe sowie einen konsequenten Abbau bürokratischer Hürden.
Entscheidend ist die Personalstrategie
Die Minijob-Debatte konzentriert sich derzeit vor allem auf gesetzliche Rahmenbedingungen. Für Koch, Gastroberater und Coach Björn Kiffner, Gründer von „Auf zu Plan B“, greift diese Sicht jedoch zu kurz. Aus seiner Erfahrung entscheidet sich die Zukunft des Gastgewerbes vor allem im Betrieb selbst – nämlich dort, wie Unternehmen Personal führen, entwickeln und langfristig binden.
Auch Kiffner bezeichnet Minijobs als unverzichtbaren Bestandteil des Gastgewerbes. Gerade weil die Branche von saisonalen Schwankungen, Veranstaltungen oder wetterbedingten Gästespitzen geprägt sei, brauche sie flexible Beschäftigungsmodelle. Gleichzeitig warnt er jedoch davor, Minijobs als Dauerlösung für strukturelle Personalprobleme zu betrachten.
„Die entscheidende Frage ist nicht, ob wir Minijobs brauchen – die brauchen wir. Entscheidend ist, ob Minijobber ein gut funktionierendes Team flexibel verstärken oder dauerhaft die Lücken einer unzureichenden Personalplanung schließen müssen.“
Für Kiffner liegt genau darin der entscheidende Unterschied. Minijobber seien keine „Feuerwehr“, die nur einspringe, wenn es personell eng werde. Vielmehr könnten sie Teams sinnvoll ergänzen und gleichzeitig Menschen eine Beschäftigungsform bieten, die zu ihrer jeweiligen Lebenssituation passe – etwa Studierenden, Eltern oder Rentnern. Voraussetzung sei allerdings eine Unternehmenskultur, in der Wertschätzung nicht vom Arbeitsvertrag oder der Position abhänge.
„Das Problem ist nicht der Minijob. Das Problem entsteht dann, wenn Minijobber dauerhaft Aufgaben übernehmen müssen, die eigentlich durch eine nachhaltige Personalstrategie aufgefangen werden sollten.“
Für Kiffner entscheidet sich die Zukunft des Gastgewerbes deshalb nicht an der Beschäftigungsform, sondern an guter Führung, verlässlicher Personalplanung und einer Unternehmenskultur, in der Menschen gerne arbeiten und gerne bleiben. Minijobs seien eine sinnvolle und notwendige Ergänzung – nicht jedoch ein Ersatz für eine nachhaltige Personalstrategie.
„Minijobs sind eine sinnvolle und notwendige Ergänzung – nicht jedoch ein Ersatz für eine nachhaltige Personalstrategie.“
Björn Kiffner, Koch und Gründer von „Auf zu Plan B“
Die Debatte um die Zukunft der Minijobs zeigt, wie unterschiedlich die Perspektiven auf das Thema sind. Arbeitsmarktforscher sehen Reformbedarf, Branchenverbände warnen vor zusätzlichen Belastungen für die Betriebe. Gleichzeitig macht die Praxis deutlich, dass die eigentliche Herausforderung tiefer liegt: Flexible Beschäftigungsmodelle allein lösen den Personalmangel nicht. Entscheidend ist, wie Betriebe Menschen gewinnen, führen und langfristig binden.
Einig sind sich alle Gesprächspartner in einem Punkt: Das Gastgewerbe wird auch künftig auf flexible Beschäftigungsformen angewiesen sein. Die entscheidende Frage lautet deshalb weniger, ob Minijobs eine Zukunft haben, sondern wie sie so weiterentwickelt werden können, dass sowohl Betriebe als auch Beschäftigte davon profitieren.