Lost in Leipzig

Fand keinen Tisch als Alleinreisender: Journalist, Autor udn KÜCHE-Kolumnist Stevan Paul - Foto: Vivi D'Angelo für Brandstätter Verlag
Stevan Paul29.09.2023Konzepte | News

KÜCHE-Kolumnist Stevan Paul über seine unfreiwillige Odyssee, als allein reisender Gast ohne Reservierung einen Tisch zu bekommen.

Kolumne Stevan Paul

Die folgende Odyssee erzählt viel über versäumte Gastfreundschaft, vor allem gegenüber dem allein reisenden Gast. Anlässlich der Leipziger Buchmesse scheiterte ich an einem Samstagabend auf ganzer Linie bei dem Versuch, irgendwo essen zu gehen. Eine Veranstaltung, an der ich teilgenommen hätte, war an diesem Abend ausgefallen, und so stand ich gegen 19 Uhr hungrig und müde vom Messetag in der vorbildlich belebten Leipziger Innenstadt.

Mein Plan B: Statt literarischem Tieftauchen die gewonnene Zeit nutzen und einfach mal allein schön essen gehen! Mit dem Smartphone hatte ich schnell spannende Adressen ausgekundschaftet. Ich mache es kurz: Anderthalb Stunden später war ich an insgesamt zwölf Restauranttüren abgewiesen worden. Das Spektrum reichte vom gehobenen Fine Dining über gutbürgerliche Restaurants bis hin zu zahlreichen mediterranen Spezialitätenlokalen.

Zur Ehrenrettung darf an dieser Stelle nicht verschwiegen werden, dass nicht nur die Buchmesse zu Gast war, sondern auch Helene Fischer zu einem fünftägigen Auftrittsmarathon in der Stadt weilte. Hinzu kommen sicherlich auch jene Entwicklungen, die dem zunehmenden Personalmangel geschuldet sind: verkürzte Arbeitszeiten, Vier-Tage-Woche – da ballt es sich, wenn geöffnet ist. Auch in Hamburg und Berlin ist es mittlerweile kaum noch möglich, ohne Reservierung spontan irgendwo einen Tisch zu bekommen. 

Das Ärgerliche an meiner hungrigen Suche war die Art und Weise, wie man mir begegnete: Nur in einem japanischen Restaurant wurde zumindest der Versuch unternommen, mir noch einen Platz zu organisieren. Überall sonst wurde ich mehr oder weniger energisch verjagt, aus einem Restaurant sogar mit ruckartigen Handbewegungen, spöttischem Gelächter, wortlosem Kopfschütteln und: „Wie viele? Alleine! Nein.“  Es war alles dabei, in diesen neunzig Minuten. 

Dass es auch anders geht, habe ich anderswo erlebt, zum Beispiel in Lissabon oder Köln, wo man eine kollegiale Empfehlungskultur pflegt, um 

jeden Gast unterzubringen. Im australischen Perth wurde für mich sogar rumtelefoniert. Und in Düsseldorf saß ich neulich beim Szene-Italiener hinter (!) der Bar, toller Abend! Aber leider werden vor allem Alleinreisende vielerorts direkt abgeschrieben, weil sie einen wertvollen Zweiertisch belegen und damit den zu erwartenden Umsatz halbieren.

Zeit, eine Lanze für den oft wichtigsten Gast des Abends zu brechen. Der Alleinreisende ist sensibler für kulinarische Erlebnisse und dankbarer, wenn das Restaurant aus einem einsamen Essen einen schönen Abend macht! Die Chancen stehen gut, dass er zum Botschafter Ihres Restaurants wird – und beim nächsten Mal vielleicht sogar in Begleitung wiederkommt! Apropos Multiplikator: Abgesehen davon, dass wir zunächst möglichst allen Gästen mit der gleichen Freundlichkeit und Gastfreundschaft begegnen sollten, verdienen die Alleinreisenden unsere Aufmerksamkeit, weil sie manchmal einfach nur Zeit überbrücken müssen oder sich etwas Gutes gönnen wollen, wenn sie den Abend schon allein verbringen (müssen).

Das widerlegt oft auch die Mär vom geringeren Umsatz an Einzeltischen. Im Hamburger Restaurant Salt & Silver wurde kürzlich einer allein reisenden Geschäftsfrau ganz selbstverständlich einer der begehrten Tische mit Hafenblick angeboten. Dankbar bestellte die junge Frau das große Menü mit Weinbegleitung. 

Ein wünschenswerter Empfang für Alleinreisende –  das hat man im indischen Restaurant Indian Crown in Leipzig bereits verinnerlicht: Zur mittlerweile besten Essenszeit um 20.30 Uhr wurde mir an diesem Abend noch ein Platz im zweiten Stock des vollbesetzten Restaurants angeboten. Dankbar genoss ich unter anderem ein himmlisches Biryani. „Wir schicken niemanden weg, wir schaffen das!“, hatte die junge Kellnerin an der Tür entschieden und mich mit einem einladenden Lächeln hineingebeten.

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