Pâtisserie neu gedacht

Patissière Sophie Trozzolo entwickelt im Berliner Sternerestaurant Bonvivant vegane Desserts mit klassischem Konditorhandwerk und modernen Techniken. Foto: © Ingo Hilger
Gesa Noormann 04.08.2026 MAGAZIN  |  Karriere

Klassisches Handwerk trifft auf neue Ideen: Sophie Trozzolo hat ihre Leidenschaft für feine Törtchen zum Beruf gemacht. Heute entwickelt die Patissière im Berliner Sternerestaurant Bonvivant vegane Desserts – und entdeckt dabei neue Zutaten, Techniken und Möglichkeiten für ihre eigene Handschrift.

Als die Kuchen für ihre WG-Mitbewohner immer aufwändiger wurden und die Aufmerksamkeit für das Filmstudium proportional dazu sank, wusste Sophie Trozzolo, dass sie etwas ändern musste. Die Deutsch-Amerikanerin ließ die Uni in Glasgow hinter sich und beschloss, ihr Hobby zum Beruf zu machen: „Alle hatten mir gesagt, dass ich einen Universitätsabschluss bräuchte – ein Lehrberuf war nie vorgesehen.“ Abhalten konnte sie trotzdem niemand: Sie absolvierte in der Patisserie des Berliner Nobelkaufhauses KaDeWe, damals noch Lenôtre, eine Ausbildung zur Konditorin. Bewusst hatte sie einen Arbeitgeber gewählt, bei dem es weniger um rustikale Brote als um Mousse, Törtchen und Petits Fours nach moderner französischer Schule ging. 

Präzision trifft Genuss

Ihre Entscheidung hat sie nie bereut: „Ich liebe die Pâtisserie, weil es hier nicht um Nahrungsaufnahme, sondern Genuss in seiner reinsten Form geht. Keiner muss feinste Törtchen essen, sie machen einfach glücklich. Sie sind meine Form der Kommunikation mit Menschen, die mir wichtig sind, sie sind meine Sprache der Liebe und Wertschätzung.“ Dazu kam ein ganz persönlicher Nebeneffekt: „In Zeiten der permanenten Selbstoptimierung vor allem bei jungen Frauen, hat mir die Entscheidung, Konditorin zu werden, zu mehr Selbstliebe verholfen. Endlich konnte ich die Lust auf Süßes akzeptieren und ohne Schuldgefühle genießen – das war sehr befreiend für mich.“

Hinter der Liebe zu feinen Törtchen stehen Handwerk, Präzision und exakte Arbeitsschritte: „Wenn ich 600 kleine Kreise von zwei Zentimeter Durchmesser präzise aufdressieren muss, macht mir das extrem viel Spaß“, verrät Sophie Trozzolo. Nach der Ausbildung bei Lenôtre und Stationen beim Berliner Macaron-Couturier Loti Pantón sowie in der Pâtisserie des Grand Hyatt Hotel Berlin entschied sie sich für die Gastronomie. Im Januar 2026 startete sie im mit einem Michelin-Stern ausgezeichneten Restaurant „Bonvivant“ als Chef de Partie Pâtissière. An der neuen Tätigkeit reizt sie vor allem die Möglichkeit, den Inhalt erstmals nicht der Form unterordnen zu müssen, sondern sich komplett auf den Geschmack konzentrieren zu können. Denn während in der Pâtisserie das Haltbarkeitsgebot gilt, kann ein Dessert auch à la minute finalisiert werden, ein Schaum darf einmal serviert auf dem Teller zusammenfallen.

Als wäre das nicht Herausforderung genug, handelt es sich beim „Bonvivant“ zudem um vegane Sterneküche. Aber wie sollen Desserts ohne Butter, Sahne und speziell Eier funktionieren? Einfach ist das nicht, aber viel besser möglich als gemeinhin gedacht. In Zusammenarbeit mit Küchenchef Nikodemus Berger und dem Team lernt Sophie Trozzolo, wie sich tierische Produkte ersetzen lassen.

Neue Zutaten, neue Möglichkeiten

„Leute probieren einen Kuchen von mir und sind dann ganz überrascht, wenn er vegan ist. Das merke man ja gar nicht, heißt es dann. Als ob ein veganes Dessert trocken, schlecht oder künstlich schmecken müsste. Mit der richtigen Komposition wird niemand ein tierisches Produkt vermissen.“ Als Ei-Ersatz etwa funktionieren Pulver, die mit Wasser vermischt aufgeschlagen werden können und koagulieren, wenn sie heiß werden – selbst Baiser funktioniert damit. „Das Beste ist, dass sie völlig geschmacksneutral sind und aromatisiert werden können“, sagt sie. „Es geht ja bei Eiern in der Dessertküche auch nicht um ihren Eigeschmack, sondern um die Textur, z. B. eine besondere Cremigkeit – pflanzliche Produkte können das genauso gut.“

Als Teil der Menüs fließt in die Desserts viel von den Produkten und Techniken ein, die das „Bonvivant“ ausmachen: saisonale Zutaten, im Wald gesammelte Nadeln, Fermentation, Dehydration – alles Neuland für die Konditorin. Und eine wunderbare Teamerfahrung mit Menschen, die an das glauben, was sie tun und Werte wie Nachhaltigkeit leben: „Das Bonvivant ist ein moderner Ort, nah am Puls der Zeit. Nichts steckt in alten Mustern fest, wir leben eine gemeinsame Vision – so macht Arbeiten einfach mehr Spaß.“ Für das noch von Nikodemus Berger entwickelte Zwetschgen-Dessert etwa stellt sie eine Mousse aus Erbsenmilch her, der zerkleinerte Zwetschgenkerne den Persipan-Geschmack verleihen. Dazu kommen ein Granité aus selbst gemachtem Rosenkombucha und dehydrierte Zwetschgen, die in einem Sud aus Rotwein, Karamell und Gewürzen rehydriert werden.

Für ihre eigenen Dessertkreationen will sie in Zukunft mehr Patisserie-Techniken und damit das, was sie am besten kann, einbringen. So wie bei ihrer Schoko-Sanddorn-Schnitte mit einer Crispy-Schicht aus gehobelten Haselnüssen, veganer Butter, Kuvertüre und Öl, veganem Schokobiskuit und -creme sowie Sanddorngelée. 

Aktuell entwickelt sie ein neues Dessert rund um Kirschen. Es wird unter anderem Kirschkompott, kandierte Kirschblüten, Robinien-Curd, Kakaofrucht-Sorbet und kreuzlaminierten Blätterteig enthalten. Viel Energie will Sophie Trozzolo in die Optik stecken: „Nicht umsonst komme ich aus einer Künstlerfamilie – nur dass es bei mir eben essbare Kunst ist.“

„Mit der richtigen Komposition wird niemand ein tierisches Produkt vermissen.“

Vegane Sanddorn-Schoko-Schnitte Rezept von Sophie Trozzolo I Bonvivant Berlin

Hier geht es zum Rezept.


SOPHIE TROZZOLO

Geboren 1997 in New York, legte Sophie Trozzolo ihr Abitur (MSA und High School Diploma) an der John-F.-Kennedy-Schule in Berlin ab und studierte anschließend Philosophie und Film in Glasgow. Von 2018 bis 2021 absolvierte sie ihre Ausbildung zur Konditorin bei der KaDeWe Group in Berlin. Im Anschluss arbeitete sie als Pastry Chef bei Loti Pánton Macarons und von 2023 bis 2025 als Demi Chef Pâtissier im Grand Hyatt Berlin. Seit Januar 2026 ist sie Chef de Partie Pâtissière im Bonvivant Berlin.


Dieser Artikel ist  in KÜCHE 7/2026 erschienen.
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